Der
Alptraum
Eine (fiktive) Geschichte von Jonathan T. Lonnegan
Es war
auf einem Freitag, einem besonderen Freitag, nämlich der 24. Dezember, also
Heiligabend. Das Thermometer zeigte 11° unter Null, aus Nordosten pfiff der
Wind in starken Böen über die Bremerhavener Columbuskaje. Die Warteräume, in
denen unter normalen Umständen die Passagiere auf die Ankunft eines Schiffes
warten, waren bereits durch die etwas „höhergestellten" Damen und Herren
voll besetzt, so dass sich die etwas niedrigeren Chargen in einer riesigen
Ansammlung auf der kilometerlangen Columbuskaje aufhalten mussten.
Sie alle hatten eins
gemeinsam: Sie warteten auf die Ankunft von etlichen Kreuzfahrtschiffen, um
eine besondere Kreuzfahrt in die stürmischen Gewässer von Grönland zu
machen.
Eingeladen zu dieser
Kreuzfahrt waren alle Bank- und Sparkassenaufsichtsräte, Direktoren,
Abteilungs- Filial- und Zweigstellenleiter, sowie nicht zu vergessen, die
Damen und Herren aus den Rechtsabteilungen dieser Institute. Das diese
Herrschaften der Einladung des „Verbandes der Bank- und
Sparkassengeschädigten” folge leisteten, zeugte wirklich von einer
haarsträubenden Missachtung dieser geschädigten Personen, die Penetranz war
kaum zu überbieten. Es fehlte wirklich keiner derjenigen die Rang und Namen
hatten.
Ekelhaft, wie sich
der Aufsichtsratsvorsitzende von der „Klau- und Baubank AG”, Graf Habicht,
mit dem Direktor der Kreditabteilung von der „Spar- und Betrugskasse
Pusemuckelsdorf”, Herrn Geier, unterhielt. Graf Habicht resümierte soeben
über seinen letzten Coup, wo er einen mittelständischen Unternehmer durch
Kreditkündigung, in die „Grütze” gejagt hatte. Herr Geier pflichtete im
geflissentlich bei und gab seine Erfolge bei der Verwertung von
Wohnungseigentum zum besten. Schade das dabei wieder so viele Privatkunden
in den „Keller” marschiert sind. Aber man hat inzwischen eine eigene
Immobiliengesellschaft und die muss ja schließlich laufend mit neuen
Objekten versorgt werden. Außerdem ist es ja sooo preiswert Immobilien in
der Zwangsversteigerung zu erwerben. Die Veräußerungsgewinne sind dabei dann
doch ganz „ordentlich”, wie Herr Geier auf Befragen von Graf Habicht,
bemerkte.
Endlich, am fernen
Horizont wurden die ersten Konturen der Kreuzfahrtschiffe sichtbar. Es
dauerte dennoch fast zwei Stunden bis der erste „Bank- und
Sparkassendampfer” an der Pier festmachen konnte.
In aller Eile wurden
die Landungsstege ausgefahren, denn es war natürlich nicht für alle Schiffe
ausreichend Platz an der Pier, so dass in mehreren Arbeitsgängen „geladen”
werden musste.
Bei den Damen und
Herren der gehobenen Bank- und Sparkassengesellschaft machte sich inzwischen
Ernüchterung breit, waren die Schiffe doch nicht in einem besonders
vertrauen erweckenden Zustand. Überhaupt wo waren denn die ganzen
Rettungsboote und Rettungsringe? Na ja, vielleicht hingen Sie ja auf der dem
Land abgewendeten Seite der Schiffe. Außerdem was sollte man erwarten, von
einer kostenlosen Kreuzfahrt, zudem noch vom Verband der Bank- und
Sparkassengeschädigten?
Nach ungezählten
Stunden war es endlich soweit: Es konnte abgelegt werden.
Samstag, 25.
Dezember, 1. Weihnachtstag, die Temperaturen waren in der Nacht um weitere
8° gefallen, der böige Wind hatte sich zu einem mittelschweren Sturm
entwickelt, geschlafen hatte man wegen der rollenden See fast gar nicht,
überhaupt war einem schrecklich elendig zumute. Viele fingen mit ihrem
Schicksal zu hadern an und ärgerten sich, dass sie nicht zu Hause geblieben
sind. Da tröstete es auch wenig wenn in einer halben Stunde auf allen
Schiffen der große Kapitänsempfang gegeben werden wird. Der Kapitänsempfang,
ist auf allen Kreuzfahrten, ein besonderes Ereignis, also zusammenreißen,
Kopf nach oben, ein bisschen höher als sonst, den was ist den schon ein
Kapitän gegen einen abgebrühten Bankier?
Es kam wie es kommen
musste. Viele der noblen Herrschaften hatten plötzlich das Gefühl unter
erheblichen Sehstörungen zu leiden. So erging es auch Graf Habicht, der
Kapitän kam ihm seltsam bekannt vor, hatte er nicht eine frappierende
Ähnlichkeit mit dem Unternehmer den er erst vor kurzem in die „Grütze”
gejagt hatte? Vielleicht ein Zwillingsbruder? Aber nein, das hätte er wissen
müssen. So versank er in eine stilles Selbstgespräch: Nur keine Aufregung,
Graf Habicht laß Dir nichts anmerken, es ist wirklich an der Zeit das Du Dir
eine neue Brille verordnen lässt. Jawoll, ich werde gleich nächste Woche
unser Hausmädchen Mathilde beauftragen einen Termin beim Augenarzt zu
machen. Und jetzt wieder das unverbindliche nichts sagende Lächeln
aufsetzen.
Sonntag, 26.
Dezember, 2. Weihnachtstag, man näherte sich dem Rand des Eismeeres, die
Temperaturen sanken jetzt fast stündlich um ein bis zwei Grad. Der Sturm
hatte praktisch aufgehört. Einige kleine Eisschollen kamen in Sicht, sie
waren zu klein um den Schiffen ernsthaften Schaden zufügen zu können. Unter
den Besatzungsmitgliedern wuchs die Anspannung mit jeder Seemeile die
zurückgelegt wurde.
Seltsam, zum
Frühstücksbüffet erschien nicht einer der Gäste. Ärgerlich, diese
Investition hätte doch tatsächlich eingespart werden können.
Unterdessen
passierten fast gleichzeitig auf allen Schiffen merkwürdige Dinge. Die
Funkverbindungen brachen ab, weil die Sender plötzlich den „Geist” aufgaben,
die Ruderanlagen fingen an zu „spinnen” die Schiffe fuhren nur noch
geradeaus, bei den Radargeräten brannten die Bildschirme durch, die
Hilfsmaschinen - zuständig für die Stromversorgung - bekamen plötzlich
„Husten” und blieben kurze Zeit später stehen. Selbst die Pumpenanlage
funktionierte nicht mehr, auf unerklärliche Weise wurde die Antriebswelle
zur Hauptmaschine „abgedreht”.
Das schlimmste aber
war, dass die Hauptmaschine auf vollen Touren lief und sich nicht mehr
drosseln ließ. Der Maschinenraum war wie durch ein Wunder, plötzlich fest
verriegelt und verschlossen, kurze Zeit später folgten das Steuerhaus, die
Funkkabine, sowie alle weiteren technischen Einrichtungen.
Fast lautlos surrten
die wenigen Rettungsboote an ihren Seilen ins eiskalte Wasser, die ersten
Eisberge kamen in Sicht, es war an der Zeit für die Mannschaften, die
Schiffe zu verlassen. Mit äußerster Sorgfalt ging es dabei zu. Schließlich
sollten ja die „ehrenwerten Passagiere” nicht aufgeweckt werden. Denn das
herablassen der Rettungsboote hätte sonst sicherlich zu einer Panik geführt
und die konnte man absolut nicht gebrauchen.
Die Sehstörungen
nahmen zu, nicht nur bei Graf Habicht, sondern auch bei allen anderen
Passagieren. Direktor Geier zum Beispiel, glaubte plötzlich in dem
Chefstewart einen gewissen Herrn Habenichts wieder zu erkennen, hatte er
nicht dem Habenichts erst vor zwei Monaten das Haus zwangsversteigert, so
dass er seinem Namen alle Ehre machen konnte? Schrecklich, was doch so eine
Kreuzfahrt für Verwirrung stiften kann! Es ist wohl besser wenn ich erst
einmal zum Bordarzt gehe, Eile scheint geboten, Graf Habicht und zahlreiche
andere Damen und Herren haben wohl den gleichen Gedanken.
Einfach Irre! Jetzt
sehe ich in dem Bordarzt schon Dr. Frankenstein, aus unserer kleinen Stadt.
Wie war das noch? Ach ja, Dr. Frankenstein ist mit ein paar
Bauherrenmodellen die ihm unsere Immobiliengesellschaft völlig überteuert
verkauft und die ich dann über unsere Spar- und Betrugskasse finanziert
hatte, über Bord gegangen. Der anschließende Gewinn für unser Institut war
nicht ganz unerheblich, der Aufsichtsratsvorsitzende belobigte mich sogar.
Nein, das geht nun doch zu weit. Ich werde erst einmal eine Pille gegen
Seekrankheit einnehmen und wenn es dann nicht besser wird, noch einmal den
Bordarzt aufsuchen.
Es ging gegen Abend
zu, die Sehstörungen der Passagiere hatten nicht nachgelassen, im Gegenteil
es kamen nun auch noch Hörstörungen dazu. Glaubte man doch allen Ernstes die
eine oder andere Stimme des Schiffspersonals zu kennen! Wie Schizophren! Es
konnte ja wohl alles nicht wahr sein! Fast alle dachten bei sich: „Wenn ich
das in meinem Club erzähle, denken die alle ich spinne oder habe nicht alle
Tassen im Schrank“. Aber nun wollen wir uns erst einmal auf den Abend
vorbereiten, hatte der Kapitän nicht gesagt für jeden gibt es ein
Überraschungsgeschenk?
Der Abend begann sehr
harmonisch, alles hatte sich in Gala gekleidet, die Damen trugen
millionenschweren Schmuck, die Herren etwas dezenter, die Krawattennadel mit
einem kleinen Solitär etwa drei Karat, versehen. Der Kapitän war in bester
Laune, vor ihm stand eine riesige Kiste, mit ... ja was denn bloß? Gierig
blicken Tausende von Augenpaaren auf die riesige Kiste. Ein Spiel das sich
auf allen Kreuzfahrtschiffen wiederholt. Die Spannung wächst ins
unermessliche, fast wären die Herrschaften vor Neugierde geplatzt. Ein Tusch
der Bordkapelle, der Kapitän öffnet die riesige Kiste und was kommt zum
Vorschein?
Unmengen von kleinen
Sparschweinen, säuberlich in Folie luftdicht eingeschweißt. Uh, was für eine
Enttäuschung! Nur nichts anmerken lassen, gute Mine zum bösen Spiel machen,
das Sparschwein in Empfang nehmen und über Bord werfen. Wofür ist bloß diese
Vakuumverpackung? Also erst einmal heimlich auspacken, rein sehen und dann
über Bord damit.
Nun, jetzt begann
erst einmal der Tanz. Die Kapelle spielte was das Zeug hielt, zwar ein
bisschen außer Takt, ein Faktor der zu Beginn ein wenig störte, aber durch
diverse Bierchen und Körnchen, fiel es bald keinem mehr auf. Der
Alkoholpegel nahm zum Teil erschreckende Ausmaße an, jeder Polizeibeamte
wäre bei einer Kontrolle sicherlich von der vereinigten Alkoholfahne
umgeblasen worden.
Ein steigender
Alkoholpegel hat aber leider auch Nachteile, der wesentlichste Nachteil
dürfte hierbei sein, daß fast alle Menschen unter Alkoholeinfluss ihren
wahren Charakter zeigen. So erging es auch dem Hauptaktionär der
„Vereinigten Geschäftsbank für Lug und Betrug AG”, Herrn Superreich.
Herr Superreich
stritt nun bereits eine gute halbe Stunde mit Graf Habicht von der „Bau- und
Klaubank AG, über die Frage wer den nun als erster die Kreditkündigung für
die angeschlagene „Konkurs GmbH” einleiten solle. Das Problem in dieser
Frage bestand einfach darin, dass beide Institute gleich hohe Ausleihungen
an die Konkurs GmbH vorgenommen hatten. Da die Kredite über umfangreiches
Grundvermögen zu mehr als 250 % abgesichert waren, es also genug Spielraum
für weitere Kredite gab, konnte keine Einigung in der Kündigungsfrage
erzielt werden. Die Debatte stand bereits kurz vor der tätlichen
Auseinandersetzung, als Graf Habicht als der körperlich schwächere, einen
Rückzieher machte.
Diese kleinen
geschäftlichen Differenzen wiederholten sich noch ein paar Dutzend mal an
diesem Abend. In den frühen Morgenstunden, es mag wohl so gegen 06.00 Uhr
gewesen sein, fand auch der letzte den Weg in seine Kabine. An das Öffnen
der kleinen süßen vakuumverpackten Sparschweine dachte unterdessen niemand
mehr. Die vornehme Gesellschaft war schlicht und ergreifend, einfach zu sehr
„abgefüllt”. Die Hauptdevise hieß jetzt: Den Rausch ohne großartigen
Komplikationen ausschlafen, nach dem Motto „nach mir die Sintflut”.
Die Rettungsboote
wurden aus ihren Halterungen ausgeklinkt, leise, fast wehmütig, baumelten
die Halteseile im Fahrtwind. Die Schiffe fuhren unterdessen mit voller Kraft
weiter Richtung Eismeer, Abteilung Eisberge, da wo die Robben und Eisbären
Zuhause sind. Ab und zu soll es dort auch einen Eskimo geben. Erzählt man
sich jedenfalls.
12.25 Uhr. Die ersten
Ernüchterten wachten auf, wagen die ersten Schritte an Deck, etwas
unbeholfen, etwas vernebelt, etwas Seekrank. Die Temperaturen des riesigen
Kühlhauses Namens Eismeer, verbunden mit dem steifen Fahrtwind der glatt
durch einen Menschen hindurchblasen konnte, sorgten für eine rasante
Aufklarung der alkoholgetränkten Gehirne. Alle verspürten das Bedürfnis
etwas Essbares zu sich zu nehmen. Nein, keine Schildkrötensuppe mit Lauch,
keinen Hummer in Dillsoße, ja was denn dann? Saure Gurken und
Bismarck-Heringe waren gefragt!
Es dauerte noch etwas
bis jemand bemerkte, dass gar kein Besatzungsmitglied zu sehen war,
merkwürdig, lagen die vielleicht noch alle im Alkoholkoma? Nein, das war
ziemlich ausgeschlossen, wurden doch vereinzelte Passagiere in der Nacht von
der Besatzung „liebevoll” zu Bett gebracht. Aber was war dann? Sind Sie
vielleicht alle beim Kapitän auf der Brücke und halten einen Empfang ab? Mal
sehen. Das ist ja Wahnsinn, die Brücke ist abgeschlossen und keine
Menschenseele ist zu sehen. Was hängt denn da an der Bordwand herunter?
Irre, die Rettungsboote sind weg und da vorne? Riesige Eisberge und die
Schiffe wurden nicht langsamer, sie steuerten direkt darauf zu!
Das war der Beginn
der Panik, zu allem Überfluss fing es plötzlich an zu regnen, Eisbällchen,
so groß wie Taubeneier, es war zugleich der Beginn des Überlebenskampfes, in
allen Kreuzfahrtgästen brachen die animalischen Triebe durch, es begann der
Kampf um die wenigen verbliebenen Rettungsringe. Ein aussichtsloser,
sinnloser Kampf, oder haben Sie schon einmal länger als 10 Minuten im 0°
warmen Wasser gebadet?
Der Kampf dauerte je
nach Schiff, zwischen 10 und 45 Minuten. Danach hatte sich der Fall jeweils
von allein erledigt. Die Eisberge waren ja so nah und sahen so freundlich
aus.
Am nächsten Tag wurde
dann über alle Rundfunk- und Fernsehanstalten bekannt gegeben, dass die
gesamte deutsche Finanzherrlichkeit bei einer Kreuzfahrt in den Fluten des
Nordatlantiks untergegangen sei. Kein Mensch trauerte ihnen auch nur eine
Träne nach.
Was
das war?